Eine Umfrage

(Ausschnitt aus: Stein und Zeit)


Was wird herauskommen, wenn man 18-jährige Schüler einer Schule in kirchlicher Trägerschaft fragt, ob sie an die Auferstehung glauben? Wie viel Prozent der Schüler des entsprechenden Jahrgangs werden die Frage bejahen? Es ist wahrscheinlich günstig, vor dem Weiterlesen selber eine Schätzung abzugeben – denn sonst besteht die Gefahr, dass man der Abgebrühteste unter den Abgebrühten sein will.

Schüler unserer Schule haben 2009 die Umfrage gemacht und bekamen genau sechsmal eine positive Antwort.


Die genaueren Fakten:

Das Evangelische Schulzentrum Leipzig ist keine staatliche Schule, sondern eine in kirchlicher Trägerschaft. Der befragte Jahrgang 11 hat 86 Schülerinnen und Schüler.

An der Umfrage teilgenommen haben: 69 Schülerinnen und Schüler.

Von diesen sind 33 evangelisch, 12 katholisch und 24 konfessionslos, es sind also weit mehr getaufte Christen an der Schule als an den staatlichen Gymnasien Leipzigs.

Die Frage, die die Schüler selbst formulierten, hieß:

„Glauben Sie an die Auferstehung im christlichen Sinn, d.h. ein (Weiter)leben der Seele nach dem körperlichen Tod bei Gott? Kreuzen Sie an:   ja O     teilweise O     nein O  “

Folgende Antworten wurden gegeben: ja: 6 / teilweise: 41 / nein: 22.


Da es bei uns an der Schule einen Gebetskreis gibt und einige wenige Kinder aus Familien kommen, die eher zum evangelikalen Spektrum gerechnet werden können, ergibt sich der Befund, dass über den engen Rahmen dieser im Gebetskreis zusammenkommenden oder durch ein evangelikales Elternhaus geprägten Schüler hinaus keiner oder fast keiner die Frage nach dem bejaht, was der Kern unseres christlichen Glaubens ist. Damit liegt das Ergebnis noch deutlich unter dem ohnehin äußerst mageren Ergebnis einer EMNID-Umfrage aus dem Jahr 2004, das für Menschen mit Abitur bzw. Universitätsbildung (das wäre eine in etwa vergleichbare Gruppe)  immerhin 14 %  an Auferstehungsgläubigen ermittelt – allerdings nicht in einer kirchlichen Einrichtung, sondern im Querschnitt dieses Milieus. Für 14 bis 29-Jährige – unabhängig vom Bildungsgrad – wurden damals 21 % Auferstehungsgläubige ermittelt.

Die Idee für die Umfrage ist spontan aus dem Unterricht erwachsen. Direkter Anlass war nach meiner Erinnerung die von mir vorgetragene christologische Begründung für Schöpfung: weil Gott Mensch wird, weil die Auferstehung am dritten Tage nach dem Tod am Kreuz bezeugt, dass Jesus Christus eben auch göttlicher Natur ist, ist der Glaube an die Geschaffenheit der Welt, der sonst nicht belegbar und damit rein spekulativ wäre, nicht abwegig. Der Schöpfungsglaube ist also dem Christusglauben nachgeordnet. Und letztlich steht und fällt dieser mit der Auferstehung. – Hier  wandten Schüler ein, an eine Auferstehung glaube ja doch keiner des Jahrgangs mehr richtig. Daraufhin forderte ich – durchaus neugierig geworden, ob das sein könne – die Schüler, die so argumentiert hatten, auf, ihre Behauptung durch eine Umfrage zu überprüfen.

Die Einschätzung der Schüler wurde durch die Umfrage eher bestätigt als widerlegt. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich das Ergebnis keineswegs den Schülern anlasten will oder ihnen gegenüber gar Vorwürfe erhebe. Im Gegenteil ist es immer wohltuend, wenn Menschen, zumal junge, ganz ehrlich das artikulieren, was sie wirklich denken und empfinden. Nur auf diesem Grund kann das Gespräch über Wahrheit beginnen. Deshalb bin ich meinen Schülern für diese Untersuchung sehr dankbar, auch wenn ihr Ergebnis mich nicht freut.

Die Umfrage selber wurde nahezu vollständig in Eigenregie der Schüler durchgeführt. Das gilt auch für die genaue Fragestellung. Wir hatten uns nur darüber verständigt, dass sie eine sehr elementare Frage vorlegen sollten. Ich hätte eine Ja-Nein-Entscheidung vorgezogen, die Schüler bestanden jedoch auf der Möglichkeit einer ausweichenden Antwort („teilweise“) – die prompt am häufigsten gegeben wurde.

Die Schönheitsfehler der Umfrage sollen gar nicht verschwiegen werden: nicht nur das distanzierte „Sie“ (immerhin fragten hier Schüler Gleichaltrige nach ihrer Einstellung), sondern insbesondere auch die eher katholische Formulierung. (Wieso stirbt nur der Körper? Wieso wird Auferstehung nur auf die Seele bezogen?) Die Schüler, denen diese theologische Differenz nicht bekannt war, meinten allerdings, dass jeder der Befragten schon gewusst habe, worum es bei der Umfrage ging. Das wird wohl stimmen. Es ging darum, nach dem zu fragen, was im Zentrum des christlichen Glaubens steht: nach der Auferstehung von den Toten (in erster Linie Christi und in der Folge aller Gläubigen).

Was unter der vermittelnden Antwort zu verstehen ist, die die meisten gewählt haben, wäre eine eigene Untersuchung wert. Vermutlich reicht hier die Spanne von Positionen, die der evangelisch-christlichen sehr nahe kommen (was das negative Ergebnis etwas mildert) bis hin zu asiatischen oder auch solchen, die aus dem verständlichen jugendgemäßen Vorbehalt erwachsen, sich nicht festzulegen.

Es wäre ein billiger Reflex, das magere Ergebnis von sechs Auferstehungsüberzeugten allein auf das Alter der Befragten zu schieben – ein Argument, das so richtig wie unzulänglich ist. Denn 45 dieser Schüler haben sich vor wenigen Jahren konfirmieren oder firmen lassen. Bekanntlich erklären bei diesen Festen hierzulande die meist als Säuglinge getauften, inzwischen  religionsmündig gewordenen Christen, dass sie sich zu den im Glaubensbekenntnis niedergelegten Kernüberzeugungen ihrer Religionsgemeinschaft bekennen. Zu unterstellen, dass unsere Schüler seither ihren Glauben wieder verloren haben, ist sicher nicht ehrlich und nur im Einzelfall plausibel. Und in der Tat geben etliche im Gespräch ganz unumwunden zu, dass es ihnen bei Firmung oder Konfirmation viel zu sehr um den Laptop oder was es auch immer war, was sie geschenkt bekamen, oder um den innerfamiliären Frieden gegangen sei. Andere berichten, dass es im Konfirmandenunterricht nur am Rande um Konfessionsfragen gegangen sei oder dass ihr Pfarrer die Konfirmation davon abhängig gemacht habe, ob sie bereit seien, sich sozial – oder sogar sozialpolitisch zu engagieren. Vielen wäre es lieber gewesen, wenn ihnen erst jetzt, also mit dem Selbstbewusstsein, den Erfahrungen und dem Wissen eines 17-jährigen die Konfessionsfrage gestellt worden wäre. Denn im Grunde ihres Herzens wollen sie alle redlich bleiben und nicht einen Glauben vortäuschen, den sie nicht haben oder der zumindest von heftigen Zweifeln zersetzt wird.

Die Frage an uns als Schule, an uns als Kirchgemeindemitglieder bleibt, wieso nach 7 bzw. 11 Jahren Religionsunterricht, Andachtbesuchen, Gottesdiensten, Besuchen einer meditativen Einkehr („Oase“), fächerübergreifenden religiös mitgeprägten Projekten (wie meinem Kurs – ich denke natürlich auch über meine eigene Arbeit nach), Konfirmandenunterricht, christliche Freizeiten usw. nur ein so kleiner Kreis von Schülern wenigstens auf dem Umfragebogen den Mut hat, eindeutig zu antworten. – Diejenigen, die das nicht irritiert, muss man fragen: wären sie auch mit ihrer bzw. unserer christlichen Erziehungsarbeit zufrieden, wenn es noch einmal drei weniger wären? Oder gar wenn kein Schüler des Evangelischen Schulzentrums mit „ja“ geantwortet hätte? Könnte man sich auch dann noch ungerührt zurücklehnen? Vermutlich wird von dem einen oder anderen auch ein Standpunkt vertreten, nach dem es geradezu „ungesund“ ist, wenn ein Jugendlicher an so etwas Widervernünftiges wie die Auferstehung glaubt. Es könnte sich dann nämlich der Verdacht aufdrängen, dass er sich zu dieser Antwort innerlich genötigt gefühlt haben könnte.

Es gibt das Gleichnis vom verlorenen Schaf. Da geht es um ein Tier. Wir haben es hierzulande jedoch mit dem größten Teil der Herde zu tun.